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AUTISMUS

Ein Spektrum, viele Perspektiven

Autistisches Erleben ist individuell. Wahrnehmung, Kommunikation und Alltag können sich von Mensch zu Mensch sehr unterschiedlich anfühlen. Was für eine Person selbstverständlich ist, kann eine andere viel Kraft kosten – und andersherum.

Illustration mit blauen und sandfarbenen Linien und einer kleinen Biene

NEURODIVERSITÄT

Erleben und Bedürfnisse verstehen

Es gibt nicht die eine Art, autistisch zu sein. Wahrnehmung, Kommunikation, Interessen und der Umgang mit Belastung sind von Mensch zu Mensch verschieden. Eine neurodiversitätsbejahende Perspektive nimmt diese Unterschiede ernst und fragt danach, was die einzelne Person braucht.

FACHLICHE EINORDNUNG

Autismus in Diagnostik und Forschung

Diagnostische Klassifikationen schaffen eine gemeinsame Grundlage. Sie beschreiben Merkmalsbereiche, bilden das Erleben und die Bedürfnisse einer einzelnen Person aber nicht vollständig ab.

DEUTSCHLAND · MORBIDITÄTSKODIERUNG

ICD-10-GM

In Deutschland ist derzeit weiterhin die ICD-10-GM die amtliche Klassifikation für Morbiditätskodierungen. Sie führt unter anderem frühkindlichen Autismus (F84.0), atypischen Autismus (F84.1) und das Asperger-Syndrom (F84.5) als getrennte Kategorien.

WHO · INTERNATIONALE KLASSIFIKATION

ICD-11 · 6A02

Die ICD-11 fasst Autismus als Spektrumdiagnose zusammen. Ergänzende Codes berücksichtigen unter anderem die intellektuelle Entwicklung und die funktionale Sprache. Für die Morbiditätskodierung in Deutschland ist die ICD-11 noch nicht offiziell eingeführt.

DIAGNOSTISCHE MERKMALSBEREICHE · UNTERSCHIEDLICH GRUPPIERT

ICD-10-GM: drei Bereiche

Wechselseitige soziale Interaktion, Kommunikation sowie eingeschränkte, stereotype und repetitive Verhaltens- und Interessenmuster werden getrennt beschrieben.

ICD-11: zwei Kernbereiche

Die ICD-11 bündelt wechselseitige Interaktion und soziale Kommunikation in einen Bereich. Der zweite umfasst eingeschränkte, repetitive und unflexible Verhaltens-, Interessen- oder Aktivitätsmuster; dazu können sensorische Besonderheiten gehören.

Beide Systeme beziehen den Entwicklungsverlauf und die Auswirkungen auf das tägliche Leben ein. Einzelne Merkmale oder ein Fragebogen allein begründen keine Diagnose.

DISKUTIERTES PROFIL

PDA / Extreme Demand Avoidance

PDA (Pathological Demand Avoidance), auch Extreme Demand Avoidance genannt, beschreibt in Teilen der Literatur ein Profil ausgeprägter Anforderungsvermeidung. Es ist keine eigenständige Diagnose in ICD-11 oder DSM-5-TR. Definitionen und Erhebungsverfahren sind nicht einheitlich; die Studienlage ist begrenzt. Vermeidung sollte deshalb im jeweiligen Erleben und Kontext betrachtet und nicht vorschnell als bewusste Verweigerung verstanden werden.

WEITERE DIAGNOSEN

Begleitdiagnosen

Autismus kann gemeinsam mit weiteren Erkrankungen auftreten. Die WHO nennt unter anderem ADHS, Angststörungen, Depressionen und Epilepsie. Diese Begleitdiagnosen sind nicht Teil der Autismus-Kriterien, können das Erleben zusätzlich beeinflussen und erfordern eine eigene fachliche Betrachtung.

FORSCHUNGSSTAND

Autistische Fähigkeiten und Unterstützungsbedarfe sind vielfältig und können sich im Verlauf des Lebens verändern. Forschung untersucht unterschiedliche Entwicklungsverläufe, Begleitdiagnosen und Bedingungen, die Teilhabe erleichtern oder erschweren. Bei PDA bleiben Definition und Messung umstritten; belastbare Aussagen sind derzeit begrenzt.

Fachliche Grundlagen
BfArM · ICD-10-GM 2026 · BfArM · Einführung der ICD-11 · WHO · ICD-11 CDDR · WHO · Autismus-Faktenblatt · PDA · systematisches Review · PDA · Forschungsübersicht 2024

SELBSTVERSTÄNDNIS

Wer bist Du, wenn Du niemand sein musst?

Manchmal beginnt das Verstehen damit, eigene Bedürfnisse und Grenzen von äußeren Erwartungen zu unterscheiden. Im Verlauf kann deutlicher werden, welche Situationen im Alltag besonders belastend sind, was entlastend wirkt und welche Bedingungen Sie brauchen, um sich weniger an den Erwartungen anderer orientieren zu müssen.

Vielleicht haben Sie über lange Zeit versucht, dazuzugehören, Anforderungen zu erfüllen oder Belastungen nicht nach außen sichtbar werden zu lassen. Solche Anpassungsstrategien werden häufig als Masking bezeichnet und können mit einem hohen Kraftaufwand verbunden sein. Wenn daraus Erschöpfung, Überforderung oder ein hoher Leidensdruck entstehen, betrachten wir gemeinsam, welche Erfahrungen damit verbunden und welche Bedürfnisse dabei in den Hintergrund geraten sind. Ziel ist nicht, Ihre Anpassungsleistung weiter zu erhöhen, sondern Ihre eigene Perspektive ernst zu nehmen und zu verstehen, was Sie unterstützt.

ALLTAG & ERLEBEN

Verschiedene Bereiche im Blick

Wahrnehmung, Kommunikation, Energie und der Umgang mit Veränderungen können im Alltag unterschiedlich erlebt werden.

01

Wahrnehmung & Reize

Geräusche, Licht, Berührungen oder viele parallele Eindrücke können unterschiedlich wirken und Kraft kosten.

02

Kommunikation

Direkte Sprache, klare Absprachen oder mehr Zeit zum Antworten können hilfreich sein. Missverständnisse entstehen oft auf beiden Seiten.

03

Energie & Regulation

Überlastung kann sich über längere Zeit aufbauen. Rückzug und Pausen können helfen, Reize zu reduzieren und die Belastung zu begrenzen. Welche Form der Regulation entlastend wirkt, ist individuell verschieden.

04

Struktur & Veränderung

Planbarkeit kann Orientierung geben. Übergänge und kurzfristige Änderungen können mehr Kraft erfordern und eine zusätzliche Belastung bedeuten.

05

Interessen & Ressourcen

Intensive Interessen können Freude, vertieftes Wissen und ein Gefühl von Kompetenz vermitteln. In belastenden Zeiten können sie Orientierung geben und eine wichtige Ressource sein.

06

Selbstverständnis

Ein besseres Verständnis des eigenen Selbst und Psychoedukation zu Autismus können dabei helfen, persönliche Bedürfnisse und Grenzen besser einzuordnen.